Gut Ding will Weile haben. Das sagt sich offensichtlich auch Jürgen Krutzsch alias Cinema. Der im Sauerland beheimatete Multiinstrumentalist lässt sich für seine Veröffentlichungen immer recht lange Zeit. Nach "Isolation" (1985), "The Magix Box" (2013) und "Loopings" (2014) ist gerade mit "The Discovering Of Time" das vierte Cinema-Album des früheren Gitarristen der Krautrock-Formation Tibet erschienen. Auf ihm lebt der 65-Jährige abermals seine ganze Leidenschaft für elektronische Musik aus. Dabei überzeugt das Werk vor allem durch einen Mix aus sphärischen Klängen im Geiste von Tangerine Dream, Progressive-Rock und Dance-Electronica.

Das neue Album besteht aus zehn Instrumentalstücken mit einer Gesamtspielzeit von über 56 Minuten. Die einzelnen Tracks variieren zwischen vier und fast acht Minuten Länge und geben in der Summe perfektes Kopfkino-Material ab, das den Hörer mit auf eine faszinierende Reise in vielschichtig schillernde Soundsphären nimmt. Abgemischt wurde "The Discovering Of Time" von keinem Geringeren als Eroc, der einst mit "Wolkenreise" einen Riesenhit landete. Unterstützung gab es darüber hinaus von hochkarätigen Gastmusikern wie Schlagzeuger Dirk Brand (Axxis, John Wetton) und den Gitarristen Jörg Dudys (Jule Neigel, Nena), Christian Schwarzbach (Bobby Kimball, Glen Hughes) und Benjamin Peiser (Billy Ray & The Wild).

Auch auf Frauenpower musste Jürgen Krutzsch nicht verzichten. Freundin Brigitte Grafe befasste sich mit den technischen Seiten des Projektes. Es ist im Übrigen eine Illusion zu glauben, dass man mit dem Verkauf eines solchen Albums in der heutigen Zeit reich werden könne. "Ich verdiene damit keine Millionen", stellte  Jürgen Krutzsch schon vor Jahren in einem Interview klar. Den Antrieb beziehe er aus seiner Liebe zur Musik. So verwundert es auck kaum, dass der Sauerländer seine Brötchen mit einer Musikkneipe verdient und das Komponieren im Großen und Ganzen ein Hobby geblieben ist. 

Das Album "The Discovering Of Time" kann als CD im Digipack-Format inklusive zwölfseitigem Booklet erworben werden - im Plattenhandel ebenso wie in der Kneipe "Alt Werdohl" oder auch direkt beim Plattenlabel Sireena.

 

Mai 2017

Es gibt Alben, die sich schon beim ersten Abspielen in die Gehörgänge fräsen und einen nicht mehr loslassen. Und es gibt Alben, die erst erforscht werden wollen, in die man sich hinein hören muss. Bernd Kistenmachers neuester Geniestreich „Disintegration“ ist so ein Kandidat. In den acht instrumentalen Stücken entspinnt das deutsche Urgestein elektronischer Musik einen faszinierenden Wachtraum, der sich langsam ausbreitet, dabei kraftvoll gegen die Gedankenküste spült und immer wieder mit neuen Klangsphären überrascht. Die Synthieflächen tragen eine unendliche Weite in sich, die man so im Mainstream-Radio gewiss nicht zu hören bekommt.

Auf „Disintegration“ setzt sich Bernd Kistenmacher mit einer Welt auseinander, die sich nicht nur immer schneller verändert, sondern in der sich die bekannten Muster und Strukturen aufzulösen scheinen. „Etwas verändert sich. Das können sicherlich viele Menschen nachvollziehen. Und es fühlt sich nicht unbedingt gut an“, sagte der Künstler unlängst in einem Interview. Dabei sei es nicht gerade ein typischer Schwarzseher, der hinter allem etwas Dunkles vermute, formulierte er weiter. „Aber die letzten Jahre haben uns alle vor Herausforderungen gestellt, die wir eigentlich nicht gesucht und gewollt haben.“ Es sei ein Gefühl, eine bestimmte Stimmung, die er auf diesem Album zu reflektieren versuche. 
 
Musikalisch gesehen beherbergt „Disintegration“ zweifelsfrei ungewöhnliche Kost. Sie ist weit entfernt von „mal eben einen Song hören“. Die Klänge haben etwas Melancholisches, Ruhiges, mitunter Majestätisches. Sie tauchen hin und wieder ins Experimentelle ein und erinnern zuweilen an Filmmusik von Tangerine Dream. Auf eine gewisse Art und Weise verhält es sich wie bei einem guten Wein: Mit Zeit und Luft zum Atmen entfaltet das Werk sein ganz eigenes Bouquet. Es ist eine eigenwillige Sprache, die das Gehör vieler Zeitgenossen verdient. Anhänger der sogenannten Berliner Schule werden jedenfalls ihre Freude haben. Anspieltipp: „Reflecting Ice“ und „Lost in Time“.
 
"Disintegration" ist auf der Bandcamp-Seite von Bernd Kistenmacher erhältlich.
 
 
 

April 2017

 
Auf seinem sechsten Album "The Arc of Tension" schafft es der Berliner DJ und Produzent Oliver Koletzki erneut, eine schlichtweg außergewöhnliche Vision zeitgenössischer elektronischer Musik zu präsentieren und nimmt dabei die Rolle des Geschichtenerzählers ein. Denn "The Arc of Tension" spricht zum Hörer als singuläres Werk, das in einem natürlich fließenden Spannungsbogen Ausdruck findet. Dieser spiegelt sich in dem facettenreichen Narrativ des eigentlichen Albums wider, ist zudem aber auch als Hinweis auf den langen Werdegang seines Schöpfers zu verstehen. 
 
Während der 42-Jährige den Fokus bei seinen letzten Alben auf Kollaborationen mit unterschiedlichen Vokalisten legte, wendet er sich nun einer ganz anderen Art des Storytellings zu, die ihre Wurzeln im stillen Selbstvertrauen des erfahrenen Musikers, sowie dem hektischen Lifestyle des weltweit gefragten DJs hat. "The Arc of Tension" ist die psychonautische Reise über die verschiedenen Kontinente Olivers Bewusstseins. Somit ist es kaum verwunderlich, dass das anfänglich leise Zirpen und Surren, das sich mit dem Opener "A Tribe Called Kotori" entfaltet, eine assoziative Brücke zum "Mückenschwarm", dem großem Breakthrough des jungen Koletzki von 2005, schlägt. Schon nach den ersten Minuten besteht kein Zweifel – wir befinden uns in einer autobiografischen Klangwelt, die gekonnt zu fesseln weiß. 
 
Subtil und doch zielstrebig schlängeln sich die verträumt exotischen Soundmotive der Downbeat-Tracks "By My Side", "Tankwa Town" und "Byron Bay" ins Ohr. Schon bald zieht die Spannung an und Klänge organischer Natur weichen nach und nach einem strengeren, elektronischen Takt. So bahnen die bittersüßen Neon-Synths von "Spiritual Not Religious" den Weg für den komplexen Rhythmus des Tracks "A Star Called Akasha", der von melancholischen Streichern und nachdenklichen Klavierakkorden getragen wird. Der Wendepunkt folgt endgültig mit "Through the Darkness". Nun, nach der ersten Hälfte des Albums, zieht Koletzki das Tempo kontinuierlich an und forciert seine wegweisend melodische Interpretation des heutigen Technozeitgeists, die bereits 2015 mit "Iyéwaye" ein erstes Ventil fand.

"Planetarium", "They Can’t Hold Me Back" und "Chaturanga" beweisen zusätzlich, dass ein Spagat von feinfühliger Musikalität und purer Wucht beeindruckend ekstatische Resultate erzeugt. Mit rockigen Akkorden und dem säurehaltigen Zwitschern der bewährten TB-303 läutet "Power To The People" daraufhin den Endspurt ein, bis wir schließlich die irdische Welt mit "The Day We Leave Earth" endgültig verlassen. Was zurückbleibt ist das Gefühl gerade Zeuge des tiefsten Inneren eines zweifellos einzigartigen Künstlers geworden zu sein.

Das Album "The Arc Of Tension" erscheint Mitte Mai und kann hier vorbestellt werden.

 

März 2017

 

Das Erbe von Edgar Froese

Über zwei Jahre ist es nun her, dass Edgar Froese als letztes noch verbliebenes Originalmitglied von Tangerine Dream aus dem Leben schied. Oder wie es der Genius wohl selbst ausgedrückt hätte: einen "Wechsel der kosmischen Adresse" vollzog. Die Sorge um das musikalische Erbe des Klangpioniers war nach dem Tod von Edgar Froese groß. Unbegründet, wie man zwischenzeitlich weiß. Unter der Regie von Bianca Froese-Acquaye, Witwe des Zukunftsmusikers, halten Thorsten Quaeschning, Ulrich Schnauss und Hoshiko Yamane den Mythos von Tangerine Dream nicht nur lebendig, sondern entwickeln die Ideen des Übervaters gemäß seinem Willen konsequent weiter. 
 
Dabei geht es in erster Linie um die Verwirklichung der sogenannten Quantum Years. Edgar Froese faszinierte die Vorstellung, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse der Quantenphysik und -philosophie in musikalische Klänge zu übersetzen. Zu Beginn dieser neuen Periode gab es eine erste Konzertreihe Ende 2014 in Australien. Die aus Ulrich Schnauss, Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane und Edgar Froese bestehende Formation verbannte in "Down under" wie einst in den 70er Jahren alle akustischen Instrumente, um sich ausschließlich auf rein elektronische Klänge zu konzentrieren. Mit "Quantum Key" gab es nach dem Tod des großen Klangvisionärs eine erste EP- und mit "Quantum Gate" eine erste Album-Veröffentlichung.
 
Auch "Particles" steht für die neue kreative und experimentierfreudige Richtung eines modernen, elektronisch-sinfonischen Sounds. Auf dem Werk präsentieren Tangerine Dream Altes und Neues, bestbekannte Klassiker und noch unbekannte neue Tracks. Dabei handelt es sich genau genommen um zwei EPs, die mehr oder weniger Albumlänge besitzen. Auf CD 1 gibt es eine moderne Studiofassung von "Rubycon", die mit 18 Minuten deutlich gestrafft daherkommt. "4:00 pm Session" ist ein neues Stück von Tangerine Dreams, das in den legendären (Dieter) Dierks-Studios nahe Köln aufgenommen wurde. Das facettenreiche Klanggebilde baut sich langsam auf und entpuppt sich mit einer Laufzeit von rund 30 Minuten als wahrer "Langläufer.  Es wirkt wie eine Art Verbeugung vor den großen Tangerine Dream-Alben der 70er Jahre.
 
Auch die Coverversion des Main Themes von "Stranger Things" ist in gewisser Weise ein Rückgriff auf ein frühes Kapitel der Bandgeschichte. So besticht die gleichnamige Netflix-Serie, die  in den 80er Jahren spielt, vor allem durch den fabelhaften Synthie-Score von Kyle Dixon und Michael Stein. Die Klangteppiche der beiden Musiker erinnern stark an Stücke von Tangerine Dream. Letztere fühlten sich dadurch so geschmeichelt, dass sie einige Variationen des „Stranger Things“-Themas bereits im vergangenen Jahr zur Freude alter und neuer Fans online stellten.
 
Auf CD 2 sind Aufnahmen vom Schwingungen-Festival im September 2016 im rheinischen Windeck zu finden. Es war der zweite offizielle Auftritt der Band nach dem Tod von Edgar Froese. Mit ihm lieferten Tangerine Dream den Beweis ab, dass sie die Magie einstiger Pioniertaten auch ohne den mächtigen Mastermind zelebrieren können. Für die Fans spielte das Trio eine Reihe bekannter Stücke wie "White Eagle", "Dolphin Dance" oder auch "Mothers of Rain", gepaart mit neueren Arbeiten der vergangenen zwei, drei Jahre. Summa summarum besteht nicht der geringste Zweifel, dass Tangerine Dream trotz aller stilistischer Rückgriffe auf Vergangenes als progressive Gruppe im Hier und Jetzt angekommen sind. Ganz im Sinne ihres "Erfinders" Edgar Froese.
 
"Particles" ist im Eastgate Shop erhältlich.
 
 
 

Februar 2017

 

Ein Kraftsportler im Musikgeschäft

Für alle neuen Fans von Vangelis, die über das aktuelle Album "Rosetta" auf den griechischen Synthesizerkünstler aufmerksam geworden sind, hätte das Box-Set "Delectus" zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Das Werk bildet einen Querschnitt seines bisherigen Schaffens und enthält einige der wegweisendsten Alben des Maestros, remastert von den Originalbändern und verpackt in einer hochwertigen, informativen Box. Ergänzt wird das Ganze durch ein 64-seitiges Buch mit einem Essay und einer Reihe seltener Fotos des legendären Künstlers.

In der gigantischen Collection mit 13 CDs befinden sich sämtliche bei Vertigo und Polydor erschienen Alben des Musikvisionärs. Darunter sind so bahnbrechende Werke wie "Earth", "L'Apocalypse Des Animaux", "China", "See You Later", "Mask", "Antarctica", "Opera Sauvage", "Chariots of Fire", "Soil Festivities" und "Invisible Connections". Und auch die gemeinsam mit Jon Anderson entstandenen Alben "Short Stories", "The Friends of Mister Cairo" und "Private Collection" sind dabei .

"Ich freue mich immer, meine Alben zu remastern und zwar aus zwei Gründen", erklärt Vangelis. "Erstens gibt es mir eine Gelegenheit, den Sound den heutigen Standards anzupassen und zweitens kann ich mich noch einmal mit meinen Erfahrungen und Erinnerungen aus der jeweiligen Zeit auseinandersetzen." Zur Freude langjähriger Vangelis-Fans enthält das Box-Set neben den remasterten Originalalben auch seltene B-Seiten und vier bisher unveröffentlichte Tracks.

Vangelis gilt als Vorreiter in der Entwicklung der elektronischen Musik. In seiner Karriere hat er nicht nur zahllose Alben komponiert  und aufgenommen, sondern mit ihnen auch die unterschiedlichsten Musikstile abgedeckt. Am populärsten sind gewiss seine Soundtracks. Filme wie "Antarctica", "Blade Runner", "Missing", "1492: Conquest of Paradise", "Alexander" und "Chariots of Fire" tragen seine musikalische Handschrift. Nicht weniges davon schaffte es in die internationalen Charts. Die Titelmusik von "Chariots of Fire" war 2012 sogar als Hintergrundmusik für die Siegerehrungen bei den Olympischen Spielen zu hören.

Für seine Arbeit konnte Vangelis eine Vielzahl von Musikpreisen einheimsen. 1992 wurde der Maestro zudem vom französischen Präsidenten zum Ritter des Ordens der Künste und der Literatur und 2001 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. 2003 bekam er von der NASA eine Public Service Medal. Das Minor Planet Center der Internationalen Astronomischen Union benannte sogar einen Stern nach ihm. 2008 erhielt er den "Hellenic Heritage Achievement Award" für seine musikalische Arbeit und sein Engagement als Repräsentant der griechischen Kultur. Im selben Jahr durfte er außerdem einen Ehrendoktortitel von der Universität Athen und 2009 den Titel Honorary Doctor/Professor Emeritus of the Faculty of Physics von der Universität Patras entgegennehmen.

Das Box-Set "Delectus" ist u.a. bei Amazon erhältlich.

 

Januar 2017

 

Leiden, um etwas Großes zu schaffen

Es gilt als ein zutiefst aufrichtiges, persönliches und optimistisches Werk, das sich obendrein als echter Verkaufsschlager entpuppte: "Ommadawn" - ein weitgehend instrumentales Musikalbum, das von Mike Oldfield 1975 komponiert, produziert und größtenteils selbst eingespielt wurde. Es erreichte kurz nach Veröffentlichung Platz 4 der britischen Charts. 42 Jahre später knüpft der Multiinstrumentalist an seine frühere Arbeit an und legt mit "Return To Ommadawn" eine Fortsetzung des Klassikers vor, die aus den beiden Musikstücken"Return To Ommadawn, Part I" und "Return To Ommadawn, Part II" besteht.

Das Album (Verkaufsstart ist der 20. Januar 2017) besticht durch fantastische Melancholie und einen "handgefertigten" Sound, mit dem Mike Oldfield nach eigenem Bekunden eine Rückkehr zu seinem "wahren Selbst" verbindet. Den Grundstein dafür legte er vor fünf Jahren. Damals war er für die  Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2012 in London gebeten worden, einige seiner Lieblingskompositionen neu zu orchestrieren. Mit Erfolg! "Ich hatte danach endlich die Gewissheit, dass die Musik, die ich in den Siebzigern komponiert hatte, etwas taugte - und daher war auch klar, dass ich nur in der Richtung weitermachen konnte", konstatiert er.

Das Schicksal bremste ihn allerdings zunächst aus. So musste Mike Oldfield eine ganze Reihe von persönlichen Problemen wegstecken. Ein kräftezehrender Rechtsstreit gehörte ebenso dazu wie der Tod seines Sohn Dougal und das Ableben seines Vaters. In der Musik fand er Trost, gab sie ihm ein Stück von dem Halt, den er im Alltag vermisste. So ist bei allen persönlichen Tragödien und Rückschlägen mit "Return To Ommadawn" auch etwas sehr Schönes entstanden.

Auf der Website von Universal Music berichtet Mike Oldfield ausführlich über die Entstehung seines neuen Werks: "Ist schon ewig her, dass ich ein Album gemacht habe, das größtenteils akustisch entstanden ist und auf Saiteninstrumenten basiert. Ich beherrsche all diese Instrumente nach wie vor, also dachte ich mir: Warum mache ich nicht noch so etwas in der Art? Ein Album, das in eine ähnliche Richtung geht wie 'Ommadawn'?"

Oldfield stellte die Frage ganz offen in den sozialen Netzwerken zur Diskussion und war überrascht, wie groß doch die Nachfrage war. "Das half dabei, dass aus dieser vagen Idee eine wirklich konkrete Sache wurde, auf die ich dann auch richtig Lust hatte", blickt der Brite zurück. Als erstes habe er sich verschiedene Originalinstrumente angeschafft, die bei der Produktion von "Ommadawn" zum Einsatz kamen - angefangen bei der Bodhràn über die Mandoline bis hin zur Flamenco-Gitarre.

"Wenn man ein Album macht, nutzt man schließlich alles, was einem an Werkzeugen und Mitteln zur Verfügung steht. Und ich fand, dass ein paar kleine Details vom Originalalbum wieder auftauchen sollten, also nahm ich ein paar Gesangspassagen vom ersten 'Ommadawn'-Album, hab sie dann in Stücke zerschnitten, sie mit Soundeffekten bearbeitet, sie vor- und rückwärts gespielt und dann wieder neu zusammengebaut: Nach und nach entstand so im Verlauf eines Nachmittags eine neue Melodie, die etwas echt Abgefahrenes hatte", plaudert Oldfield aus dem Nähkästchen.

Er nennt es ein großes Glück, dass er seine Gefühle in der Musik zum Ausdruck bringen kann. Dabei stellt er klar: "Wir reden hier nicht von irgendeinem Typen, der einfach die Beine baumeln lässt, während er seine Gitarre anschlägt und überglücklich drauflos musiziert und das Leben besingt. Das hier sind emotional extrem aufgeladene Songs." Seine Erfahrung: "Die eigene Lebenssituation kann dazu beitragen, dass die eigene Musik einen ganz anderen emotionalen Tiefgang bekommt und viel mehr Gewicht - so wie damals auch in den Siebzigern."

So ist Mike Oldfield dieses Mal etwas ganz Ähnliches wie damals passiert: "Es war wie Benzin, das man ins kreative Feuer gießt. Aber hat schon mal jemand von einem Menschen gehört, der glücklich und zufrieden ist - und aus der Position etwas wirklich Großes geschaffen hätte? Das funktioniert einfach nicht. Man muss leiden dafür. Und ich habe das Glück, diese Sachen artikulieren und ausdrücken zu können, anstatt sie in mich hineinzufressen."

Das neue Album ist u.a. bei Amazon und iTunes erhältlich.

 

Dezember 2016

 

"Oxygene 3" besitzt tatsächlich zwei Seiten

Am 2. Dezember 1976 erblickte "Oxygene" das Licht der Welt. Das veränderte nicht nur Jean-Michel Jarres Leben, sondern beeinflußte auch Millionen Menschen in ihrem Musikgeschmack. Letztlich setzte es wesentliche Impulse, um die elektronische Musik weltweit zu etablieren. 40 Jahre später kündigt der Franzose ein brandneues Album an. Es trägt den Titel "Oxygene 3" und wird Anfang Dezember erscheinen.

"Jubiläen bedeuten mir eigentlich nicht viel", bekennt Jean-Michel Jarre. "Aber als ich vor zwei Jahren ,Electronica' aufnahm, arbeitete ich an einem Stück, aus dem ,Oxygene, Pt. 19' wurde. Ich dachte darüber nach, wie ,Oxygene' klingen würde, wenn ich die Musik heute komponieren würde. Letztlich wurde das 40. Jubiläum des ersten Albums zu meiner Deadline. Ich spornte mich selbst an und gestattete mir sechs Wochen für die Aufnahmen, wie schon beim ersten ,Oxygene'-Album."

Er wollte unbedingt vermeiden, zu viele Gedanken daran zu verschwenden, ob seine Idee richtig war. Und er wollte alles aus einem Guss entstehen lassen. Es ging nicht darum, das erste Album zu kopieren. Vielmehr war ihm wichtig, seinem Leitsatz treu zu bleiben und den Zuhörer auf eine Reise zu locken, von Anfang bis Ende - mit unterschiedlichen Kapiteln, die miteinander verbunden sind.

Das erste "Oxygene"-Album entstand auf einer 8-Spur-Maschine, mit nur wenigen Instrumenten. Es war damals so speziell, weil es auf Minimalismus fußte. "Es gab darauf fast keine Drums", erinnert sich der heute 68-jährige Jarre. "Ich wollte diese Herangehensweise beibehalten und den Groove vor allem mit Sequenzen und den Melodiestrukturen schaffen. Das erste ,Oxygene' entstand im Vinyl-Zeitalter und die Struktur, die mir vorschwebte, sah die Unterteilung in zwei Parts vor, die den Platz der A- und B-Seiten eines Vinyl-Albums einnehmen sollten. Es gefiel mir, diesmal genau so vorzugehen. ,Oxygene 3' besitzt tatsächlich zwei Seiten."

Untrennbar mit der Musik verbunden ist natürlich auch das Art-Cover. "Damals, vor 40 Jahren, entdeckte ich Michel Grangers visuelle Welt und fand umgehend, dass sie die Musik, die ich komponierte, wunderbar komplementierte", blickt der Elektropionier zurück. "Das Cover ist längst legendär geworden als ökologisches Warnschild; dunkel und surreal, das Weltall und unseren Lebensraum auf der Erde betreffend." Das "Oxygene 3"-Cover sollte in derselben Art gestaltet werden. "Deshalb griffen wir auf Michel Grangers Original-Grafik zurück. Wir rückten sie lediglich in eine andere Perspektive, was exakt meiner Herangehensweise für die neuen Musik-Kapitel gleicht."

Das Album ist u.a. bei Amazon und iTunes erhältlich.
 
 

November 2016

 

Eine neue Art der Emotion transportieren

Symphoniacs lässt Vivaldis "Vier Jahreszeiten" elektronisch grooven und veredelt Robin Schulzʼ Überhit "Prayer in C" zu einem wie Champagner perlenden Symphonic-Popsong. Ein Soundclash aus völlig neu arrangierter Clubmusik mit klassischen Ausdrucksmöglichkeiten, der nicht nur als Liveperformance, sondern auch auf CD seine volle Durchschlagskraft entfaltet. Gewiss wird das Debütalbum "Symphoniacs" in vielen Haushalten unterm diesjährigen Weihnachtsbaum liegen.

Zu verdanken haben wir das Projekt dem in Berlin lebenden Produzenten, Komponisten und Electronic Artist Andy Leomar. Wie er sich erinnert, entstand die Idee zum Klassik-Meets-Clubsound vor ungefähr drei Jahren. "Ich bin klassisch ausgebildeter Pianist und Tonmeister, habe aber nach dem Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien begonnen, Popmusik zu produzieren und Dancemusic zu remixen", sagt er und fährt fort: "Ich dachte mir, es wäre sehr schön, die beiden eigentlich strikt voneinander getrennten Welten Klassik und Dance zusammenzuführen. Ich habe nach Möglichkeiten gesucht, wie man die Klassik für ein junges Publikum attraktiver machen und mit elektronischer Musik kombinieren könnte."

Dabei gibt es für den Mastermind von Symphoniacs zwischen Club-Musik und Klassik mehr Verbindendes als Trennendes. "Beides wird bestimmt von Emotionen; auf ruhige Momente folgen euphorische Höhepunkte. Nur die Klangkonstellationen sind unterschiedlich." Andy Leomar betont: "Nahezu alles, was heute musikalisch passiert, beruht auf Fragmenten, die aus der Klassik hervorgegangen sind. Elektronische Musik folgt im Grunde den gleichen Strukturen, die auch bei Bach schon tonangebend waren. Ohne die Klassik wäre nicht nur Pop und Electro, sondern beinahe auch jedes andere Genre undenkbar."

Dabei ist der künstlerische Ansatz zu Symphoniacs klar umrissen: "Ich wollte einen Schritt weitergehen und habe klassische Stücke mit dem Remixgedanken neu aufgenommen. So treffen elektronische Loops auf klassische Ausdrucksmöglichkeiten. Ich experimentiere nicht nur mit den beiden Musikgenres, sondern auch mit den verschiedensten Arten, neuartige, klassisch-akustische Klänge zu erzeugen und ungewöhnliche Spieltechniken einzusetzen", führt Andy Leomar aus. Das Spannendste sei für ihn, mit den Ausdrucksmöglichkeiten der akustischen Instrumente eine neue Art der Emotion zu transportieren. Was technisch-elektronisch in einem Clubtrack passiere, müsse in eine klassische Instrumentierung übersetzt werden.

Symphoniacs versteht sich im Übrigen nicht als feste Band oder Ensemble im herkömmlichen Sinn, sondern als ein sich stetig erweiternder Pool von jungen Musikern der Klassikszene. Es ist ein weltumspannendes Netzwerk von Solisten aus sämtlichen internationalen Metropolen rund um den Globus. Ohne stilistische Scheuklappen geht es auf dem aktuellen Album in beide Richtungen: Einerseits werden zeitgenössische Clubtracks klassisch instrumentiert, andererseits transportiert man klassische Werke mit der nötigen Einfühlsamkeit ins Hier und Jetzt. Das ist cooles Entertainment statt ernster Unterhaltung. Auf Folge-Alben darf man schon mal gespannt sein.

 

Oktober 2016

 

Eine Hommage an den kalten Herbst

Herbstzeit steht für die melancholische Abschiedsphase von allem Schönen. Der Herbst steht aber auch für den Wandel und das Loslassen. Während wir noch die letzten Sonnenstrahlen genießen und fasziniert das Farbenspiel der sich verfärbenden Blätter betrachten, bevor sie langsam zu Boden tänzeln, holen wir in Gedanken schon mal Kerzen und unseren Lieblingstee hervor.

Denn der Nachsommer bedeutet auch, dass es draußen ungemütlich ist und wir unser trautes Heim nicht verlassen wollen. Es wird Zeit für relaxte Stunden auf der Couch und für Musik, die auf das Thema  Entspannung einzahlt, also möglichst ruhig, verträumt und gern auch ein bisschen melancholisch daherkommt. Schließlich darf wehmütiges Schwelgen in sommerlichen Urlaubserinnerungen nicht fehlen.

Den passenden Sound liefern viele Künstler. Einer, der in diesen Tagen besonders hervorsticht, ist ein Mann namens Tom Eaton. "Indesterren" heißt sein Album, das jede Menge nachdenkliche Töne und gekonnt inszenierte Klangwelten bietet. Die zwölf Tracks lassen einem das Herz weit aufgehen und berühren - sofern man sich darauf einlässt - einen wunden Punkt tief in der Seele. Unsere Anspieltipps: "Vervagen" und "Venus". Letzteres Stück entstand gemeinsam mit dem wunderbaren Trompeter und Flügelhornspieler Jeff Oster.

Aber wer ist eigentlich dieser Thomas "Tom" Eaton? Laut seiner Website verdient er seine Brötchen als Musikproduzent, Komponist und Soundingenieur. Mit elektronischer Musik kam er erstmals 1985 in Kontakt. Über seinen Bruder lernte er die Musik von Tangerine Dream kennen. Das war anders als alles, was er bis dahin gehört hatte. Fasziniert von dem Sound wandte er sich mehr und mehr dem Genre zu, das ihn schließlich ganz in seinen Bann zog.

Fazit: "Indesterren" ist ein wirklich gelungenes Instrumental-Album, das unendlich sanft die verschiedenen musikalischen Ebenen gekonnt miteinander verflicht und echtes Gefühl einfängt. Das Ganze passt ideal zur Herbststimmung und zum Träumen beim Hinausschauen aus dem Fenster. Musikalisch gesehen großes Kino, Mr. Eaton. Thank you very much!

Das Album ist u.a. bei iTunes erhältlich.

 

September 2016

 

Es begann mit einem Anruf aus dem All

Das dürfte Vangelis-Fans gar nicht freuen: Statt ihres Idols wird der isländische Komponist Jóhann Jóhannsson den Score zur Fortsetzung von "Blade Runner", die im Herbst 2017 in die Kinos kommt, schreiben. Zum Trübsal blasen bleibt aber nicht viel Zeit: Am 23. September erscheint mit "Rosetta" das neue und zugleich langersehnte Album des Synthesizer-Künstlers, der in puncto elektronischer Musik Pionierarbeit geleistet hat und vor allem für seine Filmmusik für "Chariots of Fire", "1492: Conquest of Paradise" oder eben auch "Blade Runner" bekannt ist.

Seit Kindheitstagen ist der griechische Komponist von der Wissenschaft rund um den Weltraum fasziniert. Und weil es umgekehrt auch Astronauten gibt, die Vangelis-Fans sind, kam 2012 ein aufregender Anruf für den inzwischen 73-jährigen Musiker direkt aus dem All, samt Einladung zur Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Vangelis war so inspiriert von der Begegnung mit seinem niederländischen Astronauten-Fan und von der "Rosetta Mission" der ESA, mit der die Entstehung des Sonnensystems der Erde weiter erforscht worden ist, dass er sofort ein neues Album komponierte, in dem er seine intergalaktischen Eindrücke verarbeitet hat.

Dabei ist "Rosetta" mehr als nur ein Studioalbum. Es ist die musikalische Auseinandersetzung eines außergewöhnlichen Künstlers mit dem Phänomen des Universums, die der Faszination von Schwerelosigkeit und Unendlichkeit, aber auch der Begeisterung für wissenschaftliche Forschung Ausdruck verleiht. Seit Ende Juli kann man sich beim Hören von "Rosetta's Waltz" schon mal mit dem Titel "Mission Accomplie" in die Klangwelten des griechischen Komponisten "beamen" und das Album mit insgesamt 13 Tracks und einer Spielzeit von 53 Minuten vor seinem eigentlichen Erscheinungstermin am 23. September in Schallgeschwindigkeit vorbestellen - erhältlich u.a. bei iTunes oder Amazon.

 

August 2016

Score zum "Wunder der Anden"

Flug 571 kämpft am 13. Oktober 1972 zwischen bis zu 6.000 Meter hohen Andengipfeln mit Orkanböen und eisigen Schneeschauern. An Bord sind 45 Passagiere, Mitglieder, Betreuer und Angehörige eines Rugbyteams, die sich auf dem Weg zu einem Freundschaftsspiel befinden. In 4.000 Meter Höhe zerschellt die Fairchild an einem Berghang.

Von den Insassen stirbt ein Dutzend unmittelbar beim Aufprall. Weitere folgen in den nächsten Tagen. Doch damit nicht genug: Ein Teil der Passagiere überlebt monatelang im Schnee des Hochgebirges - dank einer grausigen Entscheidung. Sie brechen das Kannibalismus-Tabu und essen das Fleisch ihrer toten Freunde.

Als "Wunder der Anden" ging das menschliche Drama in die Annalen ein und bot viel Stoff für Bücher und Verfilmungen. Adam Young von Owl City war sieben Jahre alt, als er den auf wahren Tatsachen beruhenden Film "Überleben!"sah. "Es ist eine unglaubliche Geschichte, die bei mir einen enormen Eindruck hinterlassen hat", sagt der Musiker. Es ist ein Gefühl der Ehrfurcht und Faszination, das ihn noch heute bewegt.

Die Emotionen der Überlebenden im ewigen Eis der Anden hat Adam Young jetzt versucht, mit seinen musikalischen  Mitteln einzufangen: Angst, Schock, Grauen, Furcht, Entsetzen und Besorgnis. Aber auch das überwältigende Gefühl des Sieges, der Erleichterung, des Triumphes und der Freude am Ende der sehr düstereren Geschichte spielt in den zehn Tracks eine Rolle, ebenso wie die Kraft des menschlichen Geistes.

Der Multiinstrumentalist, gerade 30 geworden, liefert seit dem 1. Februar Monat für Monat je einen Score zu einer Geschichte, die ihm etwas bedeutet. Es ist immer die Neuinterpretation eines Themas - sei es der Untergang der Titanic, die  Besteigung des Mount Everest, die Mission von Apollo 11 zum Mond oder eben das "Wunder der Anden".

Jeder Score kann via iTunes erworben, bei Apple Music oder Spotify gestreamt werden oder unter www.ayoungscores.com nach einer kurzen Registrierung auch kostenfrei heruntergeladen werden. Visuell begleitet wird das Projekt von James R. Eads. Seine Illustrationen - allesamt kleine Kunstwerke - werden als Filmplakat gedruckt und stehen in limitierter Zahl handsigniert zahlungswilligen Interessenten zur Verfügung.

 

Juli 2016

 

Die Kreativität ist größer denn je

Er gehört zu denen, die man nicht vorstellen braucht, nicht erklären muss - schon gar nicht ihre Musik. Peter Baumann ist ein Urgestein elektronischer Musik. Seine Soundexperimente am Synthesizer waren richtungsweisend für die Entwicklung der Rockmusik in den 80er-Jahren. Solo und als Mitglied von Tangerine Dream (TD) war er maßgeblich am Aufkommen der sogenannten Berliner Schule beteiligt. Dann hing er irgendwann seine Musikkarriere an den Nagel, um sich einer anderen Berufung zu widmen.

Bis 2014. Im Oktober des Jahres kam ihm ein Gedanke, der sich nicht wieder abschütteln ließ. "Obwohl ein Großteil meines Lebens sehr stark durch die Musik geprägt war - durch eigene Auftritte, durch Studioaufnahmen oder durch meine Tätigkeit als Produzent - hatte ich mich in den letzten Jahren hauptsächlich mit der Philosophie und Psychologie der menschlichen Natur beschäftigt. Das war lehrreich und lohnend, keine Frage, aber es war mir letzten Endes nicht kreativ genug", blickt Peter Baumann zurück.

Und dann die Überraschung: "Ich hatte mit einem Mal wieder das Bedürfnis, Musik zu machen. Also habe ich meinen Keller zu einem Studio umgebaut und zum ersten Mal nach langer Zeit wieder angefangen, Stücke zu schreiben." Kurz darauf rief er TD-Mastermind Edgar Froese an, traf ihn Anfang 2015 in Österreich. "Das war eine ganz außergewöhnliche Begegnung, und alles sprach dafür, dass wir nach mehreren Jahrzehnten Pause unsere musikalische Zusammenarbeit wiederaufleben lassen." Dazu sollte es nicht mehr kommen. Edgar Froese verstarb nur wenige Tage nach dem Wiedersehen.

"Machines Of Desire" heißt Peter Baumanns Werk, mit dem er zwanzig Jahre nach seiner letzten Veröffentlichung auf die Bildfläche des Elektro zurückkehrt. "Verlernt hat er seitdem nichts. Ganz im Gegenteil: Die Kreativität ist größer denn je", loben Kritiker. "Machines Of Desire" ist nach Baumanns Worten von vielen Einflüssen geprägt, "nicht zuletzt durch meine Zeit bei Tangerine Dream. Die Aufnahmen zu diesem Album waren eine ausgesprochen erfüllende Erfahrung, die all meine kreativen Sehnsüchte gestillt und Lust auf mehr gemacht hat", so der 63-Jährige.

Im Titel "Machines of Desire" kommt Peter Baumanns tiefe Überzeugung zum Ausdruck, dass "Menschen Getriebene sind, ununterbrochen gepusht von unseren innersten Sehnsüchten: Von der Sehnsucht zu leben und zu lieben, gehört und gesehen zu werden, mit anderen verbunden zu sein, von der Sehnsucht nach Geborgenheit, nach einem Sinn und nach unzähligen anderen Dingen. Dabei müssen wir uns permanent im Drama unseres Alltags mit all seinen Unsicherheiten, den Verlustängsten und der Furcht vor existenzieller Einsamkeit zurecht finden."

 

Juni 2016

 

Die Aufräum-Aktion hat sich gelohnt

Sich völlig fallen lassen und gleichzeitig jegliche Bodenhaftung verlieren; auf einer Welle der absoluten Entspannung dahintreiben und eins sein mit sich und der Welt, während im Kopfkino immer wieder neue Bilder entstehen: Andre Willscher alias Addiction Wizard nimmt uns auf seinem Album "The Unknow Galaxy: The Passenger Of Time (Vol. 2)" mit auf eine musikalische Reise. Es ist ein Trip, der zunehmend an Drive gewinnt und dabei mehr und mehr in einen Strudel melodischer Strukturen, überraschender Akzente  und emotionaler Momente hineinzieht.

Hier und da mutet die Album an, als hätte Godfather Jean-Michel Jarre seine Hand im Spiel. Dann wiederum erinnert das Ganze an die Zeit, als Christopher von Deylen mit Schiller klar Schiff machte. Und plötzlich überraschen Töne, die wie Röyksopp klingen, letztlich aber doch ein Eigenleben entfalten. Andre Willscher präsentiert sich als Tausendsassa elektronischer Musik. Sein Sound klingt nie eindimensional und weckt so viele Erinnerungen in uns, dass man gar nicht genug bekommen kann.

Doch woher kommt der Einfallsreichtum, dieses Kreativitätsmonster, dem wir über 350 Minuten frische Chillout-, Dream- und Dancemusic verdanken? Andre Willschers Biografie liefert erste Anhaltspunkte: 1982 wurde die Musik zu seinem Lebenselixier. Seitdem führt der Thüringer als DJ und Tontechniker das Leben eines "Wanderers". Dabei mag es pathetisch klingen, aber er selbst bezeichnet es als Glück, dass ihm außerdem jemand die Gabe verlieh, Musik zu erschaffen und damit anderen zu helfen.

Als er selbst in einer für ihn schwierigen Lebenssituation Hilfe benötigte, fand Andre Willscher in der Musik Halt und Inspiration. Der Keyboarder der Band PAN (seit 1990), der sich sein Wissen seit jeher autodidaktisch aneignet, ging im Januar 2015 ins Tonstudio und verarbeitete in 15 Monaten all das, was sich in über einem Vierteljahrhundert an Ideen im Kopf und Herzen sowie als Rohmaterial auf Disketten angesammelt hatte.  

Die Aufräum-Aktion hat sich gelohnt! "The Unknow Galaxy: The Passenger Of Time (Vol. 2)" ist am 20. Mai erschienen. Das Album ist als Online-Download, in einer Standard-Edition mit zwei CDs und in einer sogenannten Full-Edition mit drei CDs plus DVD erhältlich. Andre Willscher vertreibt seine Musik über sein eignes Label eric99-music. Das Album kann im Online-Shop des Künstlers, bei Amazon oder auch bei iTunes geordert werden.

 

Mai 2016

Wie eine Reise im Heißluftballon

Es gibt sie, die Menschen, die mit Hardrockern auf der Bühne stehen, in Japan als Stars gefeiert werden, aber im Innersten eher wie ein Nils Frahm, ein Jon Schmidt, ein Thomas Lemmer  oder ein Benjamin Richter ticken, für die ein Solo-Konzert am Klavier das Größte ist, die ihre Affinität zur Popmusik nicht verleugnen und es immer wieder schaffen, mit faszinierender Leichtigkeit durch diverse Musikstile zu wandeln und dabei Essenzen von Klassikern neu zu verschmelzen. Die Rede ist von Torsten Luederwaldt.

Für sein gerade erschienenes Album "Home" griff der Musiker, Komponist und Produzent auch zur Gitarre. Synthesizer und Keyboards hat der in Hannover lebende Tastenspieler ohnehin in sein Herz geschlossen. Ähnlich wie sein großes Vorbild Ryūichi Sakamoto bewegt sich Torsten Luederwaldt in verschiedenen musikalischen Genres. Reines Schubladendenken ist ihm fremd, Hauptsache "bunt". Je nach Track und mit zum Teil cineastisch anmutenden Klängen sorgt er für gute Laune, Gänsehautfeeling oder Nachdenklichkeit.

"Home" ist wie eine Fahrt im Heißluftballon - mit dem Wind dahingleitend, im Schwebezustand über die weit ausgebreitete Landschaft, unter sich saftig-grüne Wiesen, gelb-leuchtende Felder und blau-glitzernde Seen. Es ist eine traumhafte Reise; die Grenzen der Schwerkraft scheinen aufgehoben, Richtung und Ziel kennt allein der Wind. Ankommen will jetzt ohnehin keiner. Graue Gedankenwolken werden bei Seite geschoben, während der Horizont sich immer mehr dehnt.

Der Soundtrack zu dieser Reise mit 14 perfekt arrangierten Tracks präsentiert einen Künstler, der Stimmungen virtuos, einfühlsam und berührend zum Klingen bringt. Luederwaldt perlendes Spiel verzaubert durch eine Leichtigkeit, die von großem Musikverständnis und gediegenem Instrumentalkönnen, aber auch von einer gehörigen Portion Menschenkenntnis zeugt. Denn vielleicht ist es ja doch so, wie der Philosoph Elmar Kupke einmal sagte: ''Das Geheimnis des Klavierspielens liegt darin, die innigen Gefühle der Zuhörer nur zu begleiten.''

Das aktuelle Album "Home" wurde in diesem und im letzten Jahr aufgenommen und ist seit 15. April über die Downloadportale von iTunes und Amazon erhältlich. Anspieltipps: "Breathe" und "The Passing Of Time". Verschiedene Hörproben und mehr über Torsten Luederwaldt gibt es auf der Website des Künstlers.
 
 

April 2016

 

Die Blauen mit neuen Klangfarben

Seit 25 Jahren liefert die Blue Man Group Entertainment vom Feinsten - und das mit einer Show, die Musik, Performance, Farbenfreude und jede Menge Überraschungen zusammenbringt. Anlässlich des Jubiläums erscheint am 22. April das dritte Studioalbum des Projekts. Es trägt den Namen "Three" und beinhaltet 14 Instrumental-Tracks. Als erste Single wurde "Giacometti" ausgekoppelt, die bereits jetzt als kostenloser Download heruntergeladen werden kann, wenn man das Album bei teilnehmenden Digitalportalen vorbestellt.

"Three" ist ein Schnappschuss aus dem modernen Leben, der einen Momentausschnitt aus der sich stets ausweitenden Welt der Blue Man Group zeigt. Es zieht seine Inspiration aus einer 25 Jahre währenden, unvergleichlichen Geschichte voller Kreativität und Weiterentwicklung und folgt damit dem vorangegangenen Studio-Album "Audio", das 1999 erschien und mit Gold ausgezeichnet sowie für einen Grammy nominiert wurde, und dem 2003er Konzeptalbum "The Complex".

Die Instrumentaltracks auf "Three" fächern die ganze Vielseitigkeit des Projekts auf, die zu völlig neuen Klangerlebnissen führt. So präsentiert die Blue Man Group zum Beispiel das Snorkelbone, das aus einer Reihe von Plastikrohren besteht, die einen flirrenden und pulsierenden Ton von sich geben, wenn man sie in der Luft rotieren lässt. Außerdem gibt es eine PVC-Flöte zu hören, die vom traditionell aus Holz gefertigten Didgeridoo inspiriert wurde, und nicht zuletzt das Chimeulum, das am ehesten mit einer "orchestralen Glocke auf Steroiden" zu vergleichen ist.

Die neu erfundenen Sounds ergänzen die Einflüsse der sich stets weiterentwickelnden Live-Shows, aber auch der einzigartigen Performances zu Gelegenheiten wie dem Karneval in Brasilien, dem Coachella-Festival oder dem Summersonic Festival in Tokio. Das typische Blue Man Group-Tribaldrumming, mitreißende Melodien und die Elemente der Electronic Dance Music durchziehen das gesamte Album und werden durch faszinierende Kollaborationen ergänzt.

So ist der brasilianische Percussionist Marivaldo Dos Santos (bei "Hex Suit" und "Torus") zu hören, ebenso wie Super Natsuki Tamura mit dem Sliding Didgeridoo bei "Giacometti", DJ Mike Relm auf "3 To 1" und Yusuke Yamamoto am Vibraphon bei "Hex Suit" und "Robots". Sie alle bereichern die Klangpalette der Blue Man Group mit aufregenden Klangfarben. Das Album ist u.a. bei iTunes und Amazon erhältlich bzw. kann dort vorbestellt werden.

 

März 2016

 

Der Film im Kopf

Schiller steht für eine akustische Welt mit einer außergewöhnlichen Atmosphäre. Sein neues Album "Future" macht da keine Ausnahme. Es lebt von der Balance zwischen minimalistischen Soundräumen und großen emotionalen Überwältigungsmomenten, welche die universale Sprache der elektronischen Musik im besten Fall zu bieten hat. Damit ähnelt Schillers Ansatz, Musik zu machen, dem eines Filmregisseurs. Rhythmus, Struktur, Spannungsbogen, Tempo, Dramatik, Sonnenuntergang - die Zukunft ist es wert, sich ihr nicht nur zu stellen, sondern sie als Traum, als Vision auch musikalisch zuzulassen. Man stelle sich zu "Future" einen Film im Kopf vor. Den eigenen Film. Mit großen Weitwinkel-Schwenks, überraschenden Schnitten und Wendungen.

"Future" kann wie eine einzige, lange Suite erlebt werden, wenn man sich die insgesamt 26 Tracks komplett anhört: Das Album ist ein Crescendo, das sich Song für Song, Bewegung für Bewegung, immer weiter aufbaut. Schiller baut damit eine Brücke zu den großen elektronischen Scores der Filmgeschichte und zum Science-Fiction-Film. "Ich liebe Filme, und ich denke in den Erzählungen des Kinos", so der deutsche Elektronikmusiker weiter. "Man kann sich das Album von Anfang bis Ende durchhören und wird mitgenommen auf eine Reise durch Stimmungen, Gefühle und Landschaften."

Anspieltipp der Redaktion: "Es ist voller Sterne". Schiller beschwört in dem entschleunigten Instrumentaltrack die Anwesenheit einer Abwesenheit als den größten denkbaren Kontrast zum nächtlichen Licht-Smog der Großstadt. In "Schwerelos" lässt Schiller die Zeit stillstehen, er schwelgt in epischen Hallräumen, öffnet die Tür zur romantischen Überhöhung und die Musik weitet sich zur ausholenden, melodischen Geste. Darüber hinaus baut er eine Brücke zu den großen elektronischen Scores der Filmgeschichte und zum Science-Fiction-Film. Erinnerungen an gemeinsam gesehene Filme könnten der sanfte Taktgeber dieses Albums gewesen sein. 

Und das ist das Faszinierende an "Future": Schiller gelingt die Postulierung einer gemeinsamen, optimistischen Zukunft - die durch das gemeinsam miteinander Erlebte verbunden wird. Das Album ist ab sofort u.a. bei iTunes und Amazon erhältlich.

 

Februar 2016

 

Der Soundtrack zu einem Sonntagmorgen

Robert Linton ist ein Instrumentalist von tiefer Nachdenklichkeit. Auf seinem neuen Studioalbum "Beyond The Clearing" bietet er ein sehr ruhiges und  entspannendes Klangerlebnis. Es ist Musik, die leicht zu hören ist, und doch von emotionaler und kompositorischer Tiefe zeugt, und von Stück zu Stück immer wieder neugierig aufhorchen lässt. Es ist der passende Soundtrack zu einem Sonntagmorgen im Bett. Aber auch zu vielen anderen Anlässen lohnt es sich, die Musik, die über jeden Zweifel erhaben scheint, einzuschalten.

Mit seinen Klängen möchte der Künstler den Zuhörer zu einer Reise einladen. Einer Reise zu sich selbst, auf der er sein eigenes Leben reflektiert. Jeder der insgesamt neun Titel sagt darüber hinaus etwas über den Künstler und sein Gitarrenspiel aus, über sein Gefühl, seine Sensibilität, über Harmoniebestreben und sein Wesen. Schnell wird klar, hier zupft ein Musiker mit Hingabe und tiefem Musikverständnis die Saiten und erzeugt dabei eine harfenähnliche Klangfülle.

Für das über die Finanzierungsplattform Kickstarter realisierte Projekt frischte Robert Linton einige frühere musikalische Beziehungen auf. An dem gemeinsam mit Corin Nelsen produzierten Album sind Jeff Oster (Flügelhorn), Jill Haley (Englischhorn), Jeff Pearce (Gitarre), und Stephen Katz (Violoncello) beteiligt. Neu ist die Zusammenarbeit mit Robert Sara Milonovich (Violine), Heidi Breyer (Klavier), Kitty Thompson (Violoncello) und Adam Miller (Gitarre). Interessant zu wissen: Jedem Track auf "Beyond The Clearing" liegt ein Duett zwischen Robert Linton an der Gitarre und einem der oben genannten Gastkünstlern zugrunde.

Die Musik wurde Robert Linton - wie man so schön sagt - in die Wiege gelegt: Sein Großvater war ein geschätzter Pianist und sein Vater spielte in einer kleinen Band Saxophon. Bevor er an der Gitarre unterrichtet wurde, durfte sich Robert Linton im zarten Kindesalter - genau wie seine Schwester - im Klavierspiel versuchen. Und obwohl seine Alben noch am ehesten dem New Age zuzuordnen sind, wurde er stark von klassischen Rock-Künstlern wie Led Zeppelin oder auch Folkmusikern wie Simon & Garfunkel und Cat Stevens beeinflusst.

Schon in seiner Teenagerzeit begann Robert Linton, Songs zu schreiben; ein kreativer Prozess, der auch während seiner College-Zeit und darüber hinaus anhielt. Nach seinem Abschluss an der Utah State University startete er mit seiner Musikkarriere endgültig durch. Unterstützung erhielt er u.a von dem berühmten Gitarristen, Komponisten und Labelgründer William Ackermann.

Nach mehreren Alben steht außer Frage, dass Robert Linton seine Musik als eine mit Herzblut und ehrlicher Passion ausgeübte Kunst begreift. "Ich liebe es, mich selbst durch die Musik ausdrücken zu können", erklärte er einmal. "Es bedeutet mir sehr viel, dass etwas, was ich geschaffen habe, eine tiefe Wirkung auf den Zuhörer hat." Sein neuester Geniestreich "Beyond The Clearing" macht da keine Ausnahme.

Das Album ist ab sofort bei iTunes und Amazon erhältlich und kann auch über die Website des Künstlers bezogen werden.

 

Januar 2016

 

Ba bababababababa ba baaa ...

Smooth McGroove hat ein Faible für Videogames - vor allem für den hörbaren Teil. Die Musik der meisten Spiele kann er perfekt mitsummen. Seine eigentlich Stärke liegt aber im Covern. Mit einem extrem präzisen Ohr geht er an die Soundtracks der berühmten Konsolenspiele ran. Was er a cappella daraus macht, ist eine Meisterleistung. Ein Talent, das ihn zum gefragten Internet-Star aufsteigen ließ. Denn als der charmante Bart-Träger damit begann, seine Interpretationen einiger Soundtracks auf YouTube hochzuladen, traf er damit den Nerv eines Millionen-Publikums. Seine Clips erfreuen sich seither einer ständig wachsenden Klick-Gemeinde. Inzwischen gibt es die erste Albumveröffentlichung. Vierzehn Tracks lassen die Herzen von "Legend of Zeldas"-, "Donkey Kong"-, "Little Big Planet"-, "Minecraft"- oder auch "Super Mario"-Fans höher schlagen.

Entstanden ist das Album "Smooth McGroove Remixed" gemeinsam mit GameChops. Das Plattenlabel hat sich auf Remixe bekannter Games-Themes spezialisiert. Ambitionierte Musiker und passionierte Spieler bilden hier eine Einheit. DJ Cutman gehört ebenso dazu wie Benjamin Briggs oder Mykah. Ausgestattet mit den Vocals von A-Cappella-König Smooth McGroove sind sehr eingängige Stücke entstanden, die durchaus auch für die Tanzfläche taugen. Dass dabei das eigentliche "Instrument" - die Stimme - hin und wieder etwas ins Hintertreffen gerät, ist zu verschmerzen. Bleibt abzuwarten, mit welchen neuen Projekten uns Smooth McGroove zukünftig überraschen wird. Zu seinem aktuellen Musikstil fand er übrigens über Umwege. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass der bekennende Katzenfreund schon mal Teil einer Rockband war?

"Smooth McGroove Remixed" kann u.a. über Amazon oder iTunes bezogen werden. 

 

Dezember 2015

 

Willkommen im Klangkosmos von Søjus1

Was als spektakuläres Rendezvous im All geplant war, endete in einer Katastrophe: Statt der erstmaligen Kopplung von zwei bemannten Raumfahrzeugen stürzte der sowjetische Kosmonaut Wladimir Komarow tödlich ab. Die Mission des Riesen-Raumschiffs "Sojus 1“ im Jahr 1967 war damit gescheitert.

Ein halbes Jahrhundert später ist Sojus 1 zurück – als Name einer Band aus Dresden (korrekt geschrieben: Søjus1). Das Duo, bestehend aus dem DJ und Produzenten Ralf Müller und dem Jazz-Drummer Simon Arnold, entführt mit Schlagzeug, Streichern, Bläsern, Klavier, Bass und Gitarren, gemischt mit elektronischen Klängen und Samples, in seinen ganz eigenen Klangkosmos. Musik, die eine hypnotische Wirkung entfaltet. Dass der Stil der beiden irgendwie zwischen allem liegt, macht sie zu etwas Besonderem.

Eindrucksvolle Beweise liefert das namensgleiche Debütalbum „Søjus1“. Es spannt eine Leinwand auf, auf der zwischen Soundscapes aus Ambient und Industrial, Synthies und Klavier, inmitten vertrackter Schlagzeugpatterns und Sprachsamples Spuren von Miles Davis, Pink Floyd oder Can auftauchen, plötzlich kluge Popsongs oder krachende Eruptionen passieren. Verpackt ist das Ganze in eine analog-warme, dreckige Klangästhetik, die an Old-School Hip Hop erinnert, an Portishead, Massive Attack und DJ Shadow.

Man fühlt und tastet sich durch das Werk. Irgendwann meint man sogar, die Musik anfassen zu können und ihr irgendwohin zu folgen. Dabei fungieren Geräusche, Rhythmen, Instrumente und Samples als Andeutungen und Metaphern. Über die Einzeltracks hinweg zelebrieren Simon Arnold und Ralf Müller einen emotionalen Spannungsbogen, der in Track „006“ seinen energetischen Höhepunkt erreicht und in „018“ wie in der Filmszene einer Beerdigung still und friedlich zu einem Ende kommt.

Neugierig macht auch das thematische Konzept des Albums. „Søjus1“ handelt vom Durchlaufen menschlicher Krisen – von einer politischen Dimension der Konflikte und Kriege, über die Beziehung zweier Menschen, hin zur existenziellen Auseinandersetzung mit sich selbst. Darüber hinaus ist „Søjus1“ aber auch ein Album über Spuren, die ein Mensch in dieser Welt hinterlässt. Sie stehen nicht für sich, sondern überlagern und verbinden sich mit denen anderer. Sie bergen Ursachen, Ausgangspunkte und Impulse, deren Wirkung sich manchmal erst im Leben und Schaffen anderer manifestiert.

Im Fall von „Søjus1“ wird daraus Musik, die wie ein Satellit eine kaputte Erde umkreist, diese allumfassende Perspektive in eine rastlose Assoziationskette aus Rhythmus und Klang übersetzt und in dunkle, traurige Schönheit bindet.

Das Album kann über die Bandcamp-Seite der Formation als Digital-Version oder als CD-Digipack bezogen werden. Download-Möglichkeiten gibt es auch bei Amazon, Google Play und iTunes.

 

November 2015

 

Crazie, Signor Einaudi!

"Wäre es nicht Musik, dann eine Landkarte der Gedanken - mal klar und eindeutig, dann wieder überlagert: Punkte, Linien, Formen, Fragmente eines nie versiegenden inneren Stroms." Das sagt Ludovico Einaudi über sein jüngstes Album "Elements". Oberflächlich betrachtet ist es modern romantizistische Klaviermusik mit pop-affinen Strukturen. Auf den zweiten Blick eröffnet sich dem Hörer eine anregend entspannende Wirkung, die das meditativ ausgerichtete Werk  entfaltet, ohne vor lauter Wohlklang ins allzu Seichte oder Banale abzudriften.

"Elements" ist aber noch mehr. Der Minimalist aus Turin wollte etwas schaffen, das dem Wunsch nach einem Neuanfang entspringt, bei dem das Bewusstsein andere Wege einschlägt. "Mir wurde klar, dass es an der Grenze zwischen mir Vertrautem und Unbekannten Bereiche und Themen gab, die ich schon lange erkunden wollte: Schöpfungsmythen, das Periodensystem der Elemente, die Euklidische Geometrie, die Schriften Kandinskys, die Materialität von Klang und Farben, wildes Gras auf der Wiese, die Formen der Landschaft", so Einaudi.

Monatelang bewegte er sich durch ein scheinbares Chaos von Bildern, Gedanken und Gefühlen. Und dann fügte sich alles allmählich zu einem Tanz zusammen, als wären all diese Elemente Teile ein und derselben Welt, und er selbst mitten darin. Zweieinhalb Jahre nach dem Welterfolg von "In A Time Lapse" kommt "Elements" noch faszinierender und außergewöhnlicher als seine Vorgänger daher und schafft etwas, das nur Musik schaffen kann: Sie schenkt Herzen Seele, verleiht Gedanken Flügel und lässt Phantasie erblühen.

Das aus zwölf Teilen bestehende Album umfasst Klavier, Streicher, Perkussion, Gitarre und elektronische Instrumente. Ähnlich wie bei früheren Werken des Komponisten handelt es sich um eine Suite, in der jeder Teil in einer genau kalibrierten Beziehung zu allen anderen steht. So ergibt sich ein opulenter, satter Klang mit einer ebenso frischen wie einzigartigen Kombination aus akustischen, elektrischen und elektronischen Instrumenten.

Neben den Musikern Francesco Arcuri, Marco Decimo, Mauro Durante, Alberto Fabris, Federico Mecozzi und Redi Hasa, die bereits frühere Werke des Komponisten eingespielt haben und zu so etwas wie "Ludovicos Hausband" geworden sind, präsentiert das Album das Streichquartett Amsterdam Sinfonietta, den Berliner Elektro-Künstler Robert Lippok, die Perkussionisten aus dem Auditorium Parco della Musica in Rom sowie den brasilianischen Perkussionisten Mauro Refosco. Der bekannte Starviolinist Daniel Hope ist auf dem Eröffnungs-Track Petricor zu hören.

"Elements" kann u.a. über Amazon oder iTunes bezogen werden.

 

Oktober 2015

 

Eine persönliche Geschichte der elektronischen Musik

Der französische Musiker und Produzent Jean-Michel Jarre gilt als einer der wichtigsten Persönlichkeiten der elektronischen Musik. Mit "Electronica 1: The Time Machine" veröffentlicht er nun eines seiner größten Projekte. Vier Jahre nahm er das Album mit 16 Kollaborateuren auf und bewies damit endgültig, wie nachhaltig sein Einfluss und wie tief verankert sein Name in der weltweiten Musikszene ist.

Um seine ganz persönliche Geschichte der elektronischen Musik zu erzählen, versammelte der 67-jährige Künstler für sein neues Album Newcomer wie Gesaffelstein und Little Boots neben gestandenen Musikerkollegen wie Massive Attack oder Moby. Auch echte Sound-Veteranen wie Air, John Carpenter, Tangerine Dream, Laurie Anderson und sogar Pete Townshend von The Who und Lang Lang sind auf dem Longplayer zu finden. Vince Clarke (Depeche Mode und Erasure) ist gleich auf zwei Tracks dabei.

Der Name des Albums, auf Deutsch "Zeitmaschine", ist Programm: Gleich vier Jahrzehnten Musikgeschichte verhilft Jean-Michel Jarre mit seinem aktuellen Geniestreich zu neuem Glanz. Für das Mammutprojekt entwarf er zunächst die Demos, die er den einzelnen Künstlern mit der Bitte zuschickte, das Rohmaterial mit ihrer Handschrift zu versehen, zu interpretieren und zu beleben.

Für das Nachjustieren und den allerletzten Feinschliff sorgte der Meister dann wieder selbst. Das Ergebnis kann sich hören lassen. Das Album bietet feinste elektronische Klänge in stimmiger und gleichzeitig hochgradig individueller Ausarbeitung. Dabei sind es genau genommen zwei Alben mit insgesamt 30 Kollaborationen. "Electronica 1: The Time Machine" erscheint am 16. Oktober, der zweite Teil kommt im Frühjahr 2016 auf den Markt.

"Electronica 1" kann u.a. über Amazon oder iTunes bezogen werden.

 

September 2015

 

Wo sich Grenzen zwischen Pop und Klassik verflüchtigen

Das Klang-Universum von Piano Particles gleicht einer Kathedrale. Mit einer Fülle musikalischer Details ausgestattet, fällt trotzdem zuerst das Gesamtkunstwerk ins Auge. Was schwer lastet, strebt zugleich leicht nach oben. Der Sound dehnt sich konzentrisch aus. Das Klavier ist das kosmische Zentrum der Musik, aber auch der sphärische Mantel, der alles umhüllt. Jeder Augenblick ist der Beginn einer Reise, die zeitgleich zurück zu den Ursprüngen allen Klingens, aber auch in die Zukunft der Klangimagination führt.

Piano Particles sind der Pianist und Komponist Steffen Wick und der Elektronik-Künstler Simon Detel. Sie haben sich beim Musikstudium in Stuttgart kennengelernt und sofort gespürt, dass sie sich mit ihren unterschiedlichen Hintergründen und Perspektiven perfekt ergänzen. Die beiden Vollblutmusiker stehen nicht nur für zwei konträre Prinzipien und Zeitebenen in der Musik, sondern durchdringen einander mit ihren Intentionen so weit, dass die einzelnen Impulse der jeweiligen Protagonisten nicht mehr voneinander zu trennen sind.

Ursprünglich begann Piano Particles als Solo-Vehikel fürs Klavier. Steffen Wick, in der klassisch-akustischen Welt zu Hause, wollte sich neuen Horizonten öffnen. Er nahm all seine Erfahrungen in Sachen Ganzheitlichkeit und Stringenz der Klassik sowie der strukturellen Reduktion der Minimal Music mit und trat eine Reise in Richtung Pop und Electro an. In Simon Detel fand er den passenden Partner, um aus den Linien seiner Ideen Flächen und daraus dann wiederum Klangräume abzuleiten. Detels feiner Sinn für elektronische Unterstreichungen, Schattierungen und Pointierungen gibt den Kompositionen Tiefe und Gewicht. Mit vielschichtigen, expressiven Streicherarrangements schafft Wick zudem immer wieder Nähe zur klassischen Kammermusik.

Auf ihrem Album "Blue" nähern sich Wick und Detel dem Hörer an, indem sie sich von dessen Erwartungen entfernen. Sie geben keine Geschichte vor, wie man diese Musik zu hören hätte, sondern machen ein Angebot an den Hörer, sich mit seiner Biografie in diesen Klangräumen einzurichten und mit ihnen auseinanderzusetzen. Ihre Musik ist komplex, aber zugleich so durchlässig und fließend, dass die musikalischen Partikel immer genau dort sind, wo sie einen Augenblick zuvor noch nicht waren.

Piano Particles sind jedoch nicht nur Klangarchitekten oder Tonmaler. Sie sind Meister der Psychoakustik, ohne je in die Esoterik abzudriften. Nach dem Debütalbum "White" beschreibt Blue eine weitere Facette des Farbspektrums von Piano Particles, auf die noch viele andere folgen werden. In ihrem unverstellten Bekenntnis zu klanglicher Schönheit und Emotionalität setzen Wick und Detel einen unüberhörbaren Kontrapunkt zur informellen Kälte und zur sensuellen Schnelllebigkeit unserer Tage.

Das Album kann u.a. über Amazon oder iTunes bezogen werden.

 

August 2015

 

Berliner Schule: Alles im grünen Bereich

Broekhuis, Keller & Schönwälder - das sind der niederländische Schlagzeuger, Perkussionist und Soundtüftler Bas Broekhuis (Jahrgang 1963), der Keyboarder und Sequenzer-Spezialist Detlef Keller (1959) und der Berliner Klangtüftler Mario Schönwälder (1960). Die Drei sind seit Jahren ein Garant für elektronische Musik, die nicht nur von der sogenannten Berliner Schule inspiriert wird. Ihre musikalischen Vorbilder sind Klaus Schulze, Tangerine Dream und Vangelis. Hieraus haben sie ihren eigenen Stil der Komposition entwickelt, der auch Einflüsse von Trance und Ambient beinhaltet.

Ein Projekt, das dem Trio besonders am Herzen liegt, ist die musikalische Farblehre, die 2007 mit der CD "Orange" ihren Anfang nahm. Es folgten 2009 "Blue" und drei Jahre später "Red". Jetzt haben die Musiker ihr 4. Farbspiel "Green" vorgelegt. Die CD bietet abwechslungsreiche Kost an Sequenzen und treibenden Schlagzeugsounds gemischt mit harmonischen Flächen, Solos und ausgefallenen Soundeffekten. Mit einer Gesamtlänge von 75 Minuten bohren sich die fünf Tracks tief in die Gehörgänge und versetzen den Hörer fast schon in einen trance-ähnlichen Zustand. Das ist Broekhuis, Keller & Schönwälder auf höchstem Niveau. Als Gastmusiker sind auf "Green" Raughi Ebert vom Gitarrenduo Tierra Negra und der Geiger Thomas Kagermann zu hören. Letzterer arbeitete schon mit Klaus Schulze und Andreas Vollenweider zusammen.

Das Album kann ab sofort u.a. über Amazon oder iTunes bezogen werden.

 

Juli 2015

 

Begleiter für die schönste Zeit des Jahres

Am 17. Juli veröffentlichen Blank & Jones ihr langerwartetes neues Album "Relax Edition Nine" und präsentieren ihre Mischung aus Lounge, Chill Out und Beach House erneut auf höchstem Niveau. Es sind 26 perlengleiche Kunstwerke, mit denen die Kölner Kult-DJs wieder mühelos zeitlose Kleinode abseits des Mainstreams für wahren Hörgenuss und entspannte Momente geschaffen haben.

Das Besondere an den seit dem Jahr 2003 erscheinenden Relax-Alben ist die unverwechselbare musikalische Handschrift der Produzenten Piet Blank, Jaspa Jones und Andy Kaufhold, denn es handelt sich um ein Künstler-Album und keine Compilation. Nur dadurch entsteht die Intimität und wirkliche Verbundenheit zur Musik.

Auf Teil 1 des Doppel-Albums ("Siesta II Sunset") ertönen wunderbar warme Klänge, welche mit sphärischen Percussion-Beats verbunden und ab und zu mit fein ausgesuchten Vocals gespickt sind. Von Vorteil erwies sich dabei die Zusammenarbeit mit Deep Forest. Die mit Musiker Eric Mouquet exklusiv eingespielte Version von "Sweet Lullaby" gilt gewiss als einer der Höhepunkte des Longplayers und steht einmal mehr für das musikalische Gespür von Blank & Jones.

Mit Teil 2 ("Sunset II Sunrise") geht es dann nahtlos mit groovenden Sounds vom Pool weiter an die Cocktail-Bar. Wie keine anderen schaffen es Blank & Jones die sommerliche Magie nach dem Sonnenuntergang musikalisch zu begleiten. Hier gibt es den perfekten Mix aus Beach-House und Tropical-Disco, wobei der rote Faden auch hier immer die Eigenkompositionen sind.

Unterm Strich ist Blank & Jones mit dem neuen Relax-Album wieder ein überzeugender top musikalischer Begleiter für die schönste Zeit des Jahres gelungen. Einschalten, Augen schließen und schon ergreift einen das Gefühl, wieder an diesem schönen, vertrauten Ort zu sein, von dem man das ganze Jahr über träumt.

Das Album kann u.a. über Amazon oder iTunes bezogen werden.